«Für die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen»

Interview mit Islam Alijaj

· Jahresbericht 2021

Islam Alijaj ist Präsident des Vereins Tatkraft, Mitglied des Gemeinderats (SP) der Stadt Zürich und Initiant der Inklusions-Initiative. Der 35-Jährige lebt mit Cerebralparese, wodurch er körperlich und verbal mittelschwer behindert ist. Anlässlich unseres Jahresberichts 2021 haben wir mit Islam über Politik, Menschen mit Behinderungen und die Situation in der Schweiz gesprochen.

Islam, du hast Cerebralparese und bist im Rollstuhl unterwegs. Wie sieht die Welt für Menschen mit Behinderungen aus in der Schweiz?

Im weltweiten Vergleich ist die Situation in der Schweiz recht gut. Der Bericht der UN-Behindertenrechtskonvention zeigt jedoch, dass auch die Schweiz in Punkto Inklusion Welten vom Ziel entfernt ist. Es ist ein Skandal, dass die Schweiz jährlich Milliarden an Steuergeldern in die Behindertenindustrie steckt und es trotzdem keine vollständige Inklusion gibt.

Was bräuchte es, um die Inklusion von Menschen mit Behinderungen zu erreichen?

Wir müssen die personelle und technische Assistenz als Lösung für eine inklusive Gesellschaft in die Bundesverfassung schreiben. Ermächtigung zur Selbstermächtigung – das ist der Zeitgeist.

Du sitzt für die SP im Gemeinderat der Stadt Zürich. Wieso gibt es so wenig Menschen mit Behinderungen in der Politik?

Menschen mit Behinderungen werden oft als hilflose, arme Geschöpfe gesehen, die versorgt werden müssen. Viele Behindertenorganisationen werden von nicht-behinderten Menschen geführt und wenn nicht-behinderte Personen mit nicht-behinderten Sozialpolitiker:innen über die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen reden, kommt halt nichts Gutes dabei raus. Im Jahr 2022 haben wir mit meiner Wahl einen Präzedenzfall für Assistenzbedarf während der Parlamentsarbeit geschaffen. Das zeigt, wie wichtig die Inklusions-Initiative ist. Sie kommt zum richtigen Zeitpunkt und sie holt die Menschen ab. Das wird eine extrem erfolg-reiche Initiative. Davon bin ich überzeugt! 

 «Menschen mit Behinderungen möchten selbst aktiv werden, aber dazu brauchen sie Assistenz.»
– Islam Alijaj, Präsident Verein Tatkraft

Weshalb engagierst du dich für die Initiative?

Menschen mit Behinderungen möchten selbst aktiv werden, aber dazu brauchen sie Assistenz. Deshalb mache ich das − und weil ich nicht will, dass meine Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, in der ihr Vater als hilfloses Geschöpf gilt.

Wie erlebst du es, Vater zu sein?

Es ist herausfordernd, ich muss an vieles denken und meine Kinder müssen schneller mehr Verantwortung übernehmen. Die Beziehung zwischen mir und meinen Kindern ist besonders. Ich kann ihnen nicht hinterherrennen, ich muss auf einer anderen Ebene mit ihnen kommunizieren. Ich muss sie auf einer mentalen Ebene erreichen, um das zu machen, was andere Eltern physisch tun können.

Woher nimmst du den Mut für dein Engagement?

Es gibt für mich gar keine andere Option. Auf meinem Weg haben sich mir immer mehr Leute angeschlossen und mich unterstützt. Das stärkt mich. Meine grösste Behinderung ist der Mindset der Gesellschaft, die mich auf meine Behinderung reduziert. In dieser Gesellschaft will ich nicht leben, deshalb will ich sie formen.

Kurz vor dem Start: Die Inklusions-Initiative

In der Schweiz leben heute rund 1.8 Millionen Menschen mit Behinderungen. Sie sind noch immer in vielen Lebensbereichen benachteiligt. Unsere Infrastruktur und Gesellschaft sind mit Hürden versehen, die es Menschen mit Behinderungen erschweren oder gar unmöglich machen, am sozialen Leben teilzunehmen. Das Kernanliegen der Inklusions-Initiative ist die Anerkennung von Menschen mit Behinderungen als gleichberechtigte Bürger:innen. 

Durch die Initiative sollen Menschen mit Behinderungen die finanziellen, personellen und technischen Ressourcen erhalten, um sich mittels Assistenz vollumfänglich und selbstbestimmt in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft einbringen und ihr Potenzial entfalten zu können.Die Inklusions-Initiative wird von Betroffenen getragen und erfüllt eines ihrer Ziele − die Förderung der politischen Partizipationsmöglichkeiten von Menschen mit Behinderungen − inhaltlich gleich selbst: Menschen mit Behinderungen, Angehörige und Behindertenorganisationen kämpfen gemeinsam für echte Selbstbestimmung und Inklusion.

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