Basel-Stadt: Stimmrechtsalter 16 für eine lebendige, starke Demokratie

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Der Grosse Rat will das aktive Stimm- und Wahlrecht in Basel-Stadt auf 16 Jahre senken. Damit würden rund 2'350 junge Menschen stimmberechtigt. Der Entscheid fällt in eine besondere Situation: Basel-Stadt ist der erste Kanton der Schweiz, in dem die Stimmberechtigten weniger als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Das Stimmrechtsalter 16 polarisiert politisch stark. Doch was wissen wir darüber, wie sich eine Senkung auf Beteiligung und politische Entscheidungen auswirkt? Ein Blick auf den aktuellen Forschungsstand.

Der Grosse Rat hat am 16. September 2026 der Senkung des aktiven Stimm- und Wahlrechts auf 16 Jahre zugestimmt. Für ein politisches Amt kandidieren könnten 16- und 17-Jährige weiterhin erst ab 18 Jahren. In der Schlussabstimmung nahm er die Verfassungsänderung mit 61 zu 37 Stimmen an. SP, Grüne, Basta und GLP unterstützten die Vorlage, LDP, FDP und SVP lehnten sie ab. Die Mitte/EVP-Fraktion war gespalten.

Weil dafür die Kantonsverfassung geändert werden muss, hat die Basler Stimmbevölkerung das letzte Wort. Ein Abstimmungstermin ist noch nicht publiziert. Der nächstmögliche Termin wäre am 28. Februar 2027.

Bislang liegt das Stimmrechtsalter auf Bundesebene und in fast allen Kantonen bei 18 Jahren. Einzig Glarus kennt das aktive Stimm- und Wahlrecht ab 16 Jahren. Am 27. September 2026 stimmt Graubünden darüber ab.

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Lösung für das Basler Demokratieproblem?

Die Abstimmung hat in Basel-Stadt eine zusätzliche demokratiepolitische Dimension: Erstmals in einem Schweizer Kanton bilden aktuell die Stimmberechtigten weniger als die Hälfte der Wohnbevölkerung.

Ende 2025 waren 50,3 Prozent der Wohnbevölkerung nicht stimm- und wahlberechtigt. Dazu gehören insbesondere Menschen ohne Schweizer Staatsbürgerschaft sowie Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.

Der Kanton selbst geht von gut 2'300 zusätzlichen Stimmberechtigten aus, sollte das Stimmrechtsalter 16 eingeführt werden. Die Zahl der Stimmberechtigten würde damit um gut 2 Prozent wachsen, ihr Anteil an der gesamten Bevölkerung von rund 49,7 auf 50,8 Prozent steigen.

Das würde die Entwicklung nicht grundsätzlich umkehren. Aber erstmals seit Jahren würde der Anteil der Menschen, die politisch mitentscheiden können, wieder etwas steigen.

Von 20 auf 18 – und jetzt auf 16?

1988 stimmte die Basler Bevölkerung mit 52,2 Prozent dafür, das Stimm- und Wahlrechtsalter von 20 auf 18 Jahre zu senken – knapp drei Jahre bevor die Schweiz auf Bundesebene nachzog. Rund 3'000 junge Menschen erhielten dadurch erstmals politische Rechte.

Über das Stimmrechtsalter 16 hat Basel-Stadt ebenfalls schon einmal abgestimmt. 2009 gab es ein deutliches Nein: 72 Prozent lehnten die Vorlage ab. 18 Jahre später kommt die Frage erneut vors Volk.

Seither hat sich die Zusammensetzung der Bevölkerung stark verändert. 1995 waren noch rund 63,6 Prozent der Bevölkerung stimmberechtigt. Heute sind es, wie bereits erwähnt, nur noch 49,7 Prozent.

In einer Zeit globaler Krisen, Kriege und tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen stellt sich die Frage neu: Kann das Stimmrechtsalter 16 die direkte Demokratie stärken? Und ist es Zeit, jungen Menschen früher politische Mitbestimmung zu ermöglichen?

Chance für eine lebendige, starke Demokratie

Schweizweite, vergangene Volksabstimmungen zum Stimmrechtsalter 16 zeigen allerdings: Das Thema polarisiert, und die Vorbehalte gegenüber politischen Rechten für 16- und 17-Jährige sind oft gross. Ein Blick auf den internationalen Forschungsstand (vgl. Fakten-Check unten) zeigt jedoch bei mehreren zentralen Fragen ein recht klares Bild:

  • 16- und 17-Jährige sind politisch interessiert und informiert. Für die Schweiz zeigen Studien kaum Unterschiede zu jungen Erwachsenen.
  • Sie nutzen ihre politischen Rechte. Ihre Beteiligung ist ähnlich hoch wie bei älteren Erstwähler:innen, teilweise sogar höher.
  • Sie treffen kompetente Entscheide. Ihre Wahl passt ähnlich gut zu ihren politischen Überzeugungen wie bei Erwachsenen.
  • Ein früher Einstieg kann helfen. Schule, Elternhaus und Freundeskreis fördern politische Beteiligung.
  • Der Effekt kann anhalten. Langzeitstudien deuten darauf hin, dass frühes Wählen auch Jahre später mit höherer Beteiligung verbunden sein kann.

Die Stiftung für direkte Demokratie sieht – auch mit Blick auf diese Forschungsresultate – im Stimmrechtsalter 16 eine Chance, politische Mitbestimmung zu erweitern und junge Menschen früher in die direkte Demokratie einzubeziehen.

Die Abstimmung im urban geprägten Grenzkanton Basel-Stadt ist zugleich ein Gradmesser: Sie zeigt, wie gross die politische Offenheit für mehr Beteiligung, Mitwirkung und Rechte von Kindern und Jugendlichen heute ist – und ob das Thema auch in anderen Kantonen und auf Bundesebene wieder stärker auf die politische Agenda rückt.

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Fakten-Check

Was sagt die Forschung zum Stimmrechtsalter 16?

Politisch gehen die Meinungen zum Thema Stimmrechtsalter 16 weit auseinander. Vier häufige Fragen lassen sich anhand von Forschungsresultaten diskutieren (vgl. Liste unten).

1. Sind 16-Jährige politisch informiert?

Besonders interessant für die Schweiz ist eine 2025 veröffentlichte Studie. Ein Forschungsteam befragte rund 4'000 Schweizer:innen zwischen 16 und 25 Jahren (Gut et al., 2025).

Das Resultat: Die 16- und 17-Jährigen interessierten sich ähnlich stark für Politik wie die 18- bis 25-Jährigen. Sie diskutierten ähnlich häufig über politische Fragen und schätzten ihre eigene Fähigkeit, Politik zu verstehen und sich daran zu beteiligen, ähnlich hoch ein. Politische Informationen konsumierten sie sogar häufiger.

Auch bei der Bereitschaft zur Teilnahme zeigte sich kein Rückstand. Die 16- und 17-Jährigen gaben häufiger an, künftig wählen zu wollen. Bei Volksabstimmungen war ihre Teilnahmeabsicht vergleichbar mit jener der älteren Befragten.

Hinweis: Da, abgesehen vom Kanton Glarus, 16- und 17-Jährige in der Schweiz noch nicht stimmberechtigt sind, konnte die Studie ihre tatsächliche Beteiligung nicht messen, sondern nur ihre Absicht.

2. Beteiligen sich 16-Jährige an der Politik?

16- und 17-Jährige beteiligen sich – im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen – nicht weniger an Politik. Österreich senkte das Wahlalter bereits 2007 auf 16 Jahre. Untersuchungen tatsächlicher Wahldaten zeigen, dass 16- und 17-Jährige bei ihrer ersten Wahl häufiger teilnahmen als 18- bis 20-jährige Erstwähler:innen. Ihre Beteiligung lag zudem nicht wesentlich unter jener der gesamten Wählerschaft (Zeglovits & Aichholzer, 2014).

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Untersuchung aus Schleswig-Holstein. Im Vergleich mit etwas älteren Erstwähler:innen beteiligten sich die 16- und 17-Jährigen tendenziell sogar häufiger (Rossteutscher et al., 2022).

3. Ist 16 ein guter Zeitpunkt für die erste Wahl?

Ein interessanter Befund betrifft weniger das Alter selbst als die Lebenssituation. Viele 16- und 17-Jährige leben noch zu Hause und besuchen die Schule oder absolvieren eine Ausbildung. Sie sind dadurch stärker in feste soziale Strukturen eingebunden als junge Erwachsene, die ausziehen, ihre Ausbildung abschliessen oder den Wohnort wechseln. Studien zeigen, dass Eltern, Schule und Freundeskreis politische Beteiligung fördern können. Dies könnte erklären, weshalb 16- und 17-Jährige teilweise häufiger wählen als ältere Erstwähler:innen (Rossteutscher et al., 2022).

4. Wirkt ein früher Einstieg auch längerfristig?

Noch weniger gut untersucht ist, ob eine erste Wahl mit 16 oder 17 das spätere Wahlverhalten beeinflusst. Hinweise gibt es aus Schottland. Eine 2025 veröffentlichte Studie verglich Personen, die bereits mit 16 oder 17 erstmals wählen durften, mit jungen Erwachsenen, die bei ihrer ersten Wahl mindestens 18 waren. Die früher wahlberechtigten Gruppen berichteten bei der schottischen Parlamentswahl 2021 eine höhere Wahlbeteiligung – bis zu sieben Jahre nach ihrer ersten Wahlberechtigung (Eichhorn & Huebner, 2025).

Forschungsliteratur zu Stimmrechtsalter 16

  • Eichhorn, Jan & Huebner, Christine (2025): Longer-Term Effects of Voting at Age 16: Higher Turnout Among Young People in Scotland. Studie öffnen
  • Gut, Robin; Ezzaini, Juri & Kübler, Daniel (2025): The Political Maturity of Youths and Young Adults: Empirical Evidence from Switzerland. Studie öffnen
  • Rossteutscher, Sigrid; Faas, Thorsten; Leininger, Arndt & Schäfer, Armin (2022): Lowering the Quality of Democracy by Lowering the Voting Age? Studie öffnen
  • Zeglovits, Eva & Aichholzer, Julian (2014): Are People More Inclined to Vote at 16 than at 18? Evidence for the First-Time Voting Boost Among 16- to 25-Year-Olds in Austria. Studie öffnen

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